Wir hielten uns bedeckt.
Es war nicht sicher, dass man uns hinter dem großen Eichenschrank nicht sah. Es schien nur blasses Licht, durch die grau-angegilbten Gardinen und ich wusste nicht, ob sich noch immer jemand im Haus befand. Mein Vater neben mir hatte verkrampfte Hände, ich spürte, wie er meinte rechte Hand, immer mehr und mehr zusammen presste.
Als es plötzlich krachte und die Leiche einer Frau aus dem obersten Schubfach's des alten Schrankes fiel.
Mein Vater hielt mir sofort seine Hand vor meine Augen und befahl mir, hinter dem Schrank zu bleiben. In Zwischenzeit sprang mein Vater rasch und leichtfüßig auf, um nachzusehen, wer die Frau auf dem Fußboden vor dem großen Schrank wohl sei....
Draußen im Flur fielen Schüsse, und ehe ich mich versah, hatte mein Vater ein Tuch, über die mir immer noch Unbekannte geworfen und mich am Oberarm gepackt.
Er hustete mir ins Gesicht und versuchte im gleichen Atemzug auch noch zu übermitteln, dass ich ein Stück Holz nehmen und damit die Fensterscheibe einwerfen sollte. Er bat mich außerdem hinauszuklettern.
Er würde sich erst noch um die Leiche kümmern, hatte er mir im herum rennen und Gegenstände umlaufen zugerufen...
Ich war schon halb aus dem Fenster geklettert, als er mich doch noch einmal zurückrief. Als ich mein Bein wieder zurück in den von Schweiß und Blut Geruch gefluteten Raum zog, schnitt ich mir unverhoffterweise das halbe Schienbein an einer auf der hölzernen Fensterbank liegenden Glasscherbe auf. Das Blut lief mir das Bein runter, es fühlte sich warm an ... ich kannte dieses Gefühl.
Die Schnitte ab meinen Armen, die ich geschickt versuchte unter langärmligen Pullovern zu verstecken, brannten in diesem Moment wie Feuer, ich war aber bemüht mir den Schmerz nicht anmerken zu lassen.
Als mein Vater Ismael das Blut sah, musste er sofort Fragen, ob alles Okay sei und ob mir nicht etwas fehlen würde, darauf nickte ich allerdings nur und wusste, er hatte verstanden, dass alles Okay sei.
Ich unternahm Anstalten, schnell und undurchschaut vom Thema abzulenken, was allerdings Schwachsinn war, denn er beschäftigte sich schon wieder mit der Frau unter dem Tuch.
Ich sah die Tote durch das Tuch an. Das Blut am Tuch ließ auf Verletzungen schließen, ich achtete nicht mehr genau auf meinen Vater, bis er mich bat das große Holzbrett aus dem Schrank zu nehmen, hinter welchem wir uns eben noch voller Angst versteckt hatten.
Mein Zeitgefühl hatte sich komplett verabschiedet, ich hätte schwören können, es sei mindestens eine halbe Stunde vergangen, aber als ich auf die große Kirschholz Standuhr schaute, waren es gerade mal zehn Minuten.
Eine Menge Leute hätten sicher große Angst, oder sogar Panik bekommen, doch ich war unnormal ruhig und konnte die ganzen Sache recht sachlich betrachten.
Mir viel eine lange Strähne meines braunen Haares vors Auge. Ich hörte neben meinem eigenen verwirrten Gedankensalat, meinen Vater rufen :"Sarah!! Jetzt hilf mir endlich..!"
Mein Vater legte das große Holzbrett, das ich eben aus dem Schrank genommen hatte, auf das weiße Laken, welches immer noch über der Frau lag.
Dabei wurde er wieder Opfer seiner eigenen Tollpatschigkeit und fiel, das Tuch mit sich reißen auf einen am Boden liegenden Schemel.
Ich wusste nicht, wo ich zuerst hinschaun musste, auf meinen Vater, der fast weinend und sich vor Schmerzen windend auf dem Fußboden kringelte oder auf die Frau, welche nur noch vom Unterkörper abwärts mit dem Tuch bedeckt war. Ihr kalten, leeren Augen schauten, so schien es mir, direkt in meine. Die große Schusswunde an der linken Schläfe hatte ich zuerst gar nicht wahrgenommen.
Sie war bleich wie Kreidestaub und ihre Lippen waren ungewöhnlich rot, ich wusste nicht, ob ich dieses Bild jemals wieder vergessen konnte, aber das war Nebensache.
Ohne das ich es bemerkt hatte, hatte mein Vater sich wieder aufgerichtet und als ich mich, von einem Leisen seufzen aufgeschreckt, zu ihm umdrehte, schaute ich direkt in sein vor Schmerz verzogenes Gesicht.
Er stand zwar wieder auf beiden Beinen, aber er schwankte und ich versucht direkt, ihn zu stützen.
Ohne das Ich es wollte, wanderte mein Blick aber dofort wieder auf die noch immer so blasse Frau.
Mein Vater bemerkte meinen Blick und warf sofort das Tuch wieder über sie.
Es knallte erneut, mein Vater und ich waren langsam, ohne weiter auf die Frau zu achten, aus dem immer noch kaputten Fenster geklettert. "Gott sei dank..!", dachte ich mir, unsere Wohnung lag im Erdgeschoss des riesigen Wohnblocks, von denen es zu dieser Zeit viele in Ost-Berlin gab.
Ich entdeckte an dem kleinen Briefschlitz der Haustür, einen in einen roten Briefumschlag eingefassten Brief.
Es kam mir komisch vor. Normalerweise bekamen mein Vater und ich nie Briefe und schon gar nicht in roten Briefumschlägen.
Ich rannte, ohne meinen Vater vorher zu warnen zur Haustür, schnappte mir den Brief, riss ihn auf und las laut vor. Auf dem leicht rötlichen Papier im Inneren des Briefumschlags standen Dinge, die ich schon beim ersten Anblick des Briefes geahnt hatte.
Ein Unbekannter schrieb:
Hallo Ismael,
Wir müssen und unbedingt treffen, es gibt Wichtiges zu bereden. Bitte erzähl deiner Tochter nichts von unserem Treffen. Du findest mich unter der alten Brücke. Bitte beeil dich, wenn du dies hier gelesen hast.
Deine Tochter scheint etwas schreckliches getan zu haben...!
Mir fiel der Brief noch beim lesen aus den Händen, ich wusste genau, was der Unbekannte meinte, allerdings wurde mir erst im letzten Moment klar, das ich diesen Brief unbedingt vernichten musste.
Ich versuchte mich der Situation entsprechend normal zu verhalten, es fiel mir allerdings sichtlich schwer.
Inzwischen dämmerte es draußen bereits. Ich fror, zu dieser Jahreszeit, war es nicht gerade klug, ohne Jacke herum zu laufen. Mein Knielanger flatter Rock, wurde vom ständigen Wind immer hochgepustet und meine dünne Strickjacke mit der wunderschönen schwarzen Spitze an den Ärmel, war auch nicht gerade warm. Ich hatte das Gefühl, zu diesem Zeitpunkt im Dunkeln besser sehen zu können und meine braunen Augen schienen dunkelrot zu leuchten.
Mein Vater hatte währenddessen ein Feuer gemacht, wir konnten schließlich nicht zurück in unser Haus. Wir wussten nicht, ob die Unbekannten noch immer da waren und Leute töteten.Wir schliefen kurz darauf am Feuer ein. Zumindest, tat mein Vater das.
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Als ich mir sicher war, dass mein Vater schlief, entwund ich mich langsam seinen Armen, die er fest um mich geschlungen hatte.
Stand auf und nahm mir ein Stück Holz aus dem noch immer brennenden Feuer.
Ich schlich langsam zu unserem Haus zurück... die ungeklärte Identität der toten Frau ließ mich nicht mehr los.
Ich musste wissen wer sie war und wie sie in unser Haus gekommen war.
Als ich endlich, nach 30 Minuten Fußweg, unser Haus erreicht hatte, war ich froh, die Umgebung kam mir so bekannt vor und dieses behagliche Gefühl von Heimat konnte mir in diesem Moment auch die immer dichter werdende Dunkelheit nicht nehmen.
Ich wusste nicht, ob es an der kälte oder auch irgendwie an der Angst lag, ich wusste nur, dass meine Zähne kurz vor unserem Wohnzimmerfenster anfingen, tierisch zu klappern. Ich versuchte das zu unterdrücken.
Die Meisten hätten wohl, beim Anblick des weißen Tuches sofort wieder kehrt gemacht, ich allerdings musste wissen, wer die Frau war. Es war mir unerklärlich, aber meine Neugier nahm mir fast die komplette Angst und so kletterte ich langsam durch das Fenster wieder hinein.
Es war kalt im Wohnzimmer, beim Anblick der roten Flecken auf dem Tuch, wurde mir schwindelig. Mir war klar, dass alles was jetzt geschehen würde, niemals jemand erfahren sollte.
Ich hatte das Gefühl, dass es immer kälter wurde, je näher ich an das Tuch ging.
Ich raffte mich zusammen und zog wie selbstverständlich an der linken unteren Ecke des Tuches.
Es rutschte auch sofort von dem toten Körper. Es lief mir schaurig kalt den Rücken runter, als ich die Frau wieder sah, die ich vorhin so lange angestarrt hatte. In Ihren Augen lag noch immer dieser nichts sagende aber trotzdem kalte Blick.
Ich suchte nach Anhaltspunkten, die mir vielleicht Hinweise auf die Identität der Frau hätten geben können. Doch leider konnte ich nichts finden.
Ich wusste nicht, wie mir geschah, als ich plötzlich wie in Trance über der Frau kniete und meine Hand ihr dunkel weißes Gesicht berührte.
Ich hatte einen Tunnelblick, ich sah nichts mehr außer die kalten Augen der Frau... ich spürte nur noch ihre kalte Haut an meiner Hand.
Es schien mir, als hätte die Frau mich in einen Bann gezogen, als es plötzlich hinter mir rauschte.
Das Nächste was ich war nahm, war ein Schlag auf meinen Hinterkopf.
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Als ich aufwachte, lag ich in einem großen leeren Raum. Nichts. Alles war grau, irgendwie fad.
Ich richtete mich auf und war erschrocken. Tränen liefen sofort an meinen Wangen herunter.
Neben mir, an einen fast ausschließlich aus Metall bestehenden Stuhl gefesselt, saß mein Vater.
Sein Kopf hing runter. Es war schaurig in dem Raum. Ich wusste noch immer nicht genau, wo ich war.
Ich hörte nichts, es war so still.
Es schien mir, als wollte diese unergründliche Stille mich erdrücken, mich zerreißen und mir bis auf den letzten Tropfen des roten Lebenssaftes alles aus meinen Adern saugen und in diesem Moment spürte ich es das erste mal. Diese Stimme in mir, sie sprach leise und gedämpft, aber trotzdem hallte alles was sie sagte so laut in meinem Kopf wieder, dass ich vor Schmerzen zusammen zuckte. Zuerst verstand ich kein Wort, von dem, was die Stimme mir sagen wollte. Alles schien verschwommen und unergründlich. Doch nach einer, mir ewig lang vorkommenden Zeit, wurde die Stimme immer klarer. Sie sagte :" Hey Sara, du hast es schon mal getan, du kanst es wieder tun. Du weißt, das deine Handfesseln nur locker sind. Du weißt wie man sich befreit...du kannst es wieder tun..!".
In diesem Moment durchzuckten mich unglaubliche schmerzen, mir wurde schwarz vor Augen, es geriet alles in's schwanken und ich fühlte mich als würde sich alles um mich herum drehen. Es war, als wäre ich in einem Film, ich sah mich selbst, aber ich erkannte mich nicht. Ich war mir völlig Fremd. Ich sah mich, wie ich genau die Frau, die unter dem Tuch in unserem ehemaligen Wohnzimmer lag, die Hand schüttelte, und im nächsten Moment sah ich meine Hände, sie waren blutüberstömt und aus meinem Mund lief roter Saft, der unverkennbar das gleiche Blut wie an meiner Hand war.
Es war unheimlich, es war leise aber trotzdem laut, schwarz weiß aber trotzdem mit Farbe, es schien alles so surreal aber trotzdem wahr, ich wusste nicht, was ich noch denken sollte, ich wusste nicht wo ich war und dann geschah das, was ich am aller wenigsten gebrauchen konnte....
Ich wurde durch einen lauten Schuss aus meiner Trance-artigen Phase geholt.
Als ich ruckartig die Augen öffnete, sah ich nur eine Lache aus dunkelrotem Blut.
Die Pistole, passte sich perfekt meiner Handform an, als wäre sie nur für mich gemacht worden.
Ich wusste nicht, ob ich, wie ich im ersten Moment dachte, wirklich selber geschossen hatte oder mich jemand in etwas rein ziehen wollte, aber bevor ich diesen Gedanken beenden konnte, hörte ich wieder diese unheimliche Stimme.
Sie zwang mich, alles zu tun was Sie wollte. Ich verstand nicht wie sie es schaffte, aber es war ihr möglich, mir unglaubliche Schmerzen zuzufügen.
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